Wenn ein kleines Wort die Haltung verändert

DAS KLEINE WORT, DAS ALLES DAVOR VERÄNDERT

Was ein „Aber“ mit unseren Sätzen macht

„Ich verstehe dich, aber …“

„Du hast recht, aber …“

„Das hast du wirklich gut gemacht, aber …“

„Eigentlich bin ich zufrieden, aber …“

„Ich würde ja gerne, aber …“

Fünf Buchstaben.

Mehr braucht es manchmal nicht.

Denn kaum steht ein ABER im Satz, passiert etwas Interessantes:

Das, was davor gesagt wurde, bekommt plötzlich weniger Gewicht.

Nicht immer. Nicht in jedem Satz. Und ein „Aber“ ist natürlich kein verbotenes Wort.

Doch hör einmal genauer hin.

Wenn jemand zu dir sagt:

„Ich verstehe dich, aber ich sehe das anders.“

Was bleibt stärker hängen?

Ich verstehe dich?

Oder:

Ich sehe das anders?

Genau.

Das ABER löscht den ersten Teil des Satzes nicht.
Und trotzdem kann es sich manchmal genauso anfühlen.

Wenn aus zwei Wahrheiten plötzlich ein Gegensatz wird

Besonders spannend wird es dort, wo wir eigentlich Verbindung herstellen möchten.

„Ich liebe dich, aber das geht für mich nicht.“

„Ich verstehe, dass du enttäuscht bist, aber ich möchte trotzdem nicht kommen.“

„Ich höre, was du sagst, aber ich sehe es anders.“

Wir beginnen mit Verständnis, Zuwendung oder Anerkennung.

Und dann kommt das ABER.

Plötzlich stehen die beiden Aussagen nicht mehr einfach nebeneinander.

Sie stehen sich gegenüber.

Fast so, als müsste eine von beiden gewinnen.

Dabei können beide wahr sein.

Ich kann verstehen, dass du enttäuscht bist.

UND meine Entscheidung kann gleichzeitig richtig für mich sein.

Ich kann dich lieben.

UND etwas kann für mich trotzdem nicht in Ordnung sein.

Ich kann nachvollziehen, wie du etwas siehst.

UND es selbst vollkommen anders sehen.

Das eine muss das andere nicht aufheben.

Das ABER, das wir uns selbst erzählen

Noch spannender wird es, wenn gar kein anderer Mensch dafür nötig ist.

Im Coaching begegnet mir das immer wieder.

Und wir können das hervorragend mit uns selbst:

„Eigentlich habe ich schon unglaublich viel geschafft, aber …“

„Mir geht es viel besser, aber …“

„Ich bin stolz auf mich, aber …“

„Ich weiss eigentlich, was ich möchte, aber …“

Und schwupps.

Was gerade noch Anerkennung war, wird relativiert.

Was gerade noch Fortschritt war, reicht plötzlich nicht mehr.

Was gerade noch ein klares Gefühl war, wird wieder infrage gestellt.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, einmal darauf zu achten, wie oft wir unsere eigenen Sätze mit einem ABER wieder kleiner machen.

Denn:

Manchmal reden wir nicht nur das klein, was ein anderer sagt.
Manchmal reden wir uns selbst klein.

Das berühmte „Ja, aber …“ 😂

Wer schon einmal in einem Coaching sass – auf welcher Seite auch immer – kennt es wahrscheinlich.

Eine Frage wird gestellt.

Etwas wird plötzlich sichtbar.

Vielleicht ist eine Erkenntnis sogar schon da.

Und dann:

„Jaaaa, aber …“

Manchmal lohnt es sich genau dort, gar nicht sofort weiterzureden.

Sondern kurz zurückzugehen:

„Was war gerade vor deinem Aber?“

Denn vielleicht lag genau dort etwas, das einen Moment länger stehen bleiben dürfte.

Eine Erkenntnis.

Ein Wunsch.

Eine Grenze.

Eine Möglichkeit.

Oder etwas, das wir eigentlich längst wissen.

Nein, wir müssen das ABER jetzt nicht verbieten 😂

Ich möchte jetzt bitte keine Menschen erschaffen, die mitten im Gespräch erschrocken denken:

Oh Gott. Ich habe ABER gesagt. 😂

Sprache braucht Gegensätze.

Und manchmal ist ein ABER genau richtig.

Es geht nicht um richtig oder falsch.

Es geht ums Bemerken.

Hör dir selbst einmal einen Tag lang zu.

Wann benutzt du ABER?

Was hast du unmittelbar davor gesagt?

Und was passiert mit diesem ersten Satzteil, sobald dein ABER kommt?

Bleibt er stehen?

Oder nimmst du ihm – vielleicht völlig unbewusst – gerade wieder etwas von seiner Kraft?

Ein kleines Experiment: ABER wird UND

Ersetze dein ABER einmal durch ein UND.

Nicht überall.

Nur dort, wo tatsächlich zwei Wahrheiten gleichzeitig existieren dürfen.

ABER:

„Ich verstehe dich, aber ich sehe es anders.“

UND:

„Ich verstehe dich UND ich sehe es anders.“

ABER:

„Ich verstehe, dass du enttäuscht bist, aber ich bleibe bei meinem Nein.“

UND:

„Ich verstehe, dass du enttäuscht bist UND ich bleibe bei meinem Nein.“

ABER:

„Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe, aber ich bin noch nicht am Ziel.“

UND:

„Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe UND ich darf weitergehen.“

ABER:

„Ich liebe dich, aber hier setze ich eine Grenze.“

UND:

„Ich liebe dich UND hier setze ich eine Grenze.“

Lies die Sätze ruhig noch einmal.

Spürst du den Unterschied?

Das UND macht den zweiten Teil nicht weniger wahr.
Es lässt nur den ersten ebenfalls stehen.

Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein

Vielleicht liegt genau darin etwas sehr Wesentliches:

Wir müssen nicht immer entscheiden, welche von zwei Wahrheiten die richtige ist.

Manchmal dürfen beide da sein.

Du darfst enttäuscht sein.
UND ich darf Nein sagen.

Ich darf dich verstehen.
UND bei mir bleiben.

Ich darf mitfühlen.
UND die Verantwortung bei dir lassen.

Ich darf dich lieben.
UND mich selbst dabei nicht verlassen.

Vielleicht verändert das UND deshalb nicht nur unseren Satz.

Vielleicht verändert es unsere Haltung.

Nicht immer:

entweder – oder.

Sondern manchmal einfach:

UND.

Denn zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein.

Verbindung UND Grenze.

Mitgefühl UND Selbstverantwortung.

Du UND ich.

Ohne dass einer von uns dafür verschwinden muss.

Und du?

Welches ABER könntest du heute einmal probeweise durch ein UND ersetzen?

Nicht, weil du es musst.

Sondern einfach, um zu beobachten, was sich verändert. 😉

Denise Galasso
Psychologische Beratung & Coaching
denisegalasso.ch 🩵

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